Politik der Verachtung

trump-andrew-seamanJodi Dean: „Trump zerreißt den ideologischen Schleier der amerikanischen Politik und gibt den Blick auf eine dahinter liegende Wahrheit frei – eine bizarre Wahrheit des Genießens: Wo andere an eine fiktive Gemeinschaft appellieren oder den Anschein von moralischer Integrität zu erwecken versuchen, zelebriert er die Macht der Ungleichheit.

Während Trump die Macht des Geldes in der aktuellen amerikanischen Politik offenlegt, ermöglicht, stimuliert und verbreitet er einen bestimmten Genuss (jouissance). Trump bedient sich eines offenen Rassismus und Sexismus und einer Verachtung und Überheblichkeit, die – so zumindest verlangt es jede Form von Höflichkeit und politischer Korrektheit – eigentlich zu unterdrücken wären. Sein Handeln zeigt, was ökonomische Ungleichheit wirklich bedeutet: Höflichkeit ist was für die Mittelschicht, ein normativer Rahmen, der die Wut der Enteigneten und die Verachtung der Enteigner*innen einhegt.“ Für diejenigen, die, als Leitstern ihres Handelns, dem Berlusconi-Prinzip folgen ist es nicht nötig, verpönte Triebe zu verheimlichen, wenn es doch niemanden gibt, vor dem man sich schämen müsste.
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Einschub: Jodi Dean spricht an dieser Stelle von einer Konzentration des Kapitals, dass sich, im Verhältnis zur Weltbevölkerung, in den Händen von gerade mal 0,1 Prozent der Menschen befinden würde. Sowohl die Zahl als auch die damit verbundenen Assoziationen, die den Glauben an eine mächtige globale Elite aus Managern und Milliardären nähren, sind nicht haltbar, wie der Soziologe Michael Hartmann kritisiert.

Statistiken zu globaler Einkommensverteilung gibt es viele, aber da es keine Daten für alle Länder der Welt geschweige denn für alle Menschen gibt, wird davon ausgegangen, dass 2016 die Verteilung der Vermögen wie folgt aussah: 8,2 Prozent der Weltbevölkerung besaßen 86,2 Prozent des weltweiten Vermögens. 0,7 Prozent davon besitzen rund die Hälfte (45,6 Prozent) der Ressourcen. Die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung teilen sich zwischen 0 und 0,5 Prozent*, was in der verlinkten Statistik nicht berücksichtigt wird. 18,5 Prozent verfügen über rund 11 Prozent der privaten Vermögen. Auf die übrigen 23 Prozent würden dann rund 2 Prozent des restlichen Vermögens entfallen.

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Stellvertretende Ermächtigung

Diese Freiheit von jeder Form von Anstand und das Privileg, seine Überlegenheit ganz offen auszuleben, löst unterschiedliche Reaktionen aus. Alle ermöglichen es jedoch, dieses aktuelle politische Schauspiel in der einen oder anderen Form zu genießen, sich daran aufzugeilen. Manche derer, die ausgebeutet und schlecht bezahlt werden, genießen durch Trump. Er gibt ihnen nicht nur die Erlaubnis, ihrem Rassismus, Sexismus und Hass freien Lauf zu lassen, sie wähnen sich selbst im Besitz seiner Macht und stellen sich vor, jene feuern oder erniedrigen zu können, die ihnen nicht in den Kram passen. Das haben sie in seinen Fernsehsendungen gelernt. Dort haben sie sich auch eine Form des Urteilens und Verurteilens angewöhnt, die nun einfach aus dem Abendprogramm in die Politik umzieht.

Konformistische Rebellion

Andere finden es gut, wie Trumps Brutalität und Direktheit die Lügengebäude, zu  denen die traditionellen Parteien verkommen sind, erschüttert und aus dem Tritt bringt. Er zieht genau die Leute über den Tisch, von denen sie über den Tisch gezogen werden. Je öfter Trump Frauen als »Schlampen«, »Hunde« und »Schweine« beschimpft, desto mehr lieben sie seine Art (und dieses ›sie‹ kann durchaus auch manche Frau einschließen). Je beleidigender sein Rassismus, umso besser kommt er an. Trump hat keine Angst, der er nachgeben würde – er ist nicht einmal verärgert. Sein Verhalten gehört zum Geschäft, es macht Sinn, es ist, wie es ist. Als ›echter Amerikaner‹ lässt Trump den obszönen Impulse ihren Lauf, die zu unterdrücken einfach zu anstrengend ist.

Liberale Distinktion

Die bürgerliche Mitte wiederum genießt ihre Empörung. Schließlich bestätigt Trump, wie richtig sie liegt in ihrer Abscheu vor den Wähler*innen der Republikanischen Partei – in Wirklichkeit ist ihre Abscheu jedoch die Verachtung der Arbeiterklasse als solche. Indem sie Trump dazu benutzen, ihr eigenes Selbstwertgefühl zu steigern, bilden sie dessen Verachtung auf einer anderen Ebene ab. Er ist nicht nur ein Kandidat, den sie genüsslich hassen können, sondern er erlaubt es ihnen auch, ihren Hass auf all diejenigen auszuweiten, die Trump unterstützen und keine Millionäre sind: Vor allem diese müssen ihrer Meinung nach wirkliche Idioten sein. In einer Plutokratie regieren die Plutokraten. Die Republikaner mögen Trump deshalb nicht, weil er diesen Umstand nicht hinter Fahne oder Fötus versteckt. Fahne und Fötus spielen für ihn durchaus eine Rolle, in seiner Wahrheits-Politik sind sie aber nebensächlich. Wer Geld besitzt, gewinnt. Wer keines hat, verliert. Gewinner*innen können machen, was sie wollen, Verlierer*innen müssen es ertragen. Trump entfesselt Triebkräfte, die der amerikanische Wahlkampf normalerweise in vorgezeichnete Bahnen zu lenken versucht – seine Politik des Genusses.“

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Die Kritik an Trump sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass manche Punkte seiner Politik aus der Fortführung der Regierungserlasse Obamas bestehen: „Unter Obama haben so viele Abschiebungen wie noch nie zuvor stattgefunden, und die Einreisebeschränkungen für Bürger*innen aus Ländern wie dem Irak hat es auch unter ihm gegeben“, wie Christian Lotz festestellt. „Die Krise der US-Demokraten und die Politik, die Trump vertritt, gehen im Grunde auf die Politik der US-Regierung seit den Anschlägen im Jahre 2001 zurück; siehe die Positionen zu Terrorismus und Immigration im Pariot Act. Unter Obama haben die USA 2012 nur 31 und 2013 nur 36 Geflüchtete aus Syrien aufgenommen, weil Syrien als ‚Heimathafen für Terroristen‘ deklariert war“, berichtet Lotz in seinem Artikel „Nah an der Monarchie. Die Trump-Regierung ist ein Symptom für die Krise der demokratischen Institutionen.

* Personal Wealth from a Global Perspective

Foto: CC BY-ND 2.0 |Andrew Seaman| flickr.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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