Neue Rechte in Wissenschaft & Politik

Die „Konservative Revolution“ präsentiert sich als ein von oben geführter Klassenkampf mit vielfältigem Repertoire. Die Angriffe richten sich wahlweise gegen Hartz-IV-Empfänger*innen, Migrant*innen oder Feminismus im Allgemeinen und Frauen im Besonderen. Des Weiteren werden bestehende soziale Ungleichheiten mit biologistischen Versatzstücken gerechtfertigt und diejenigen, die für soziale Gerechtigkeit und Solidarität kämpfen, werden als „Weicheier“ verschrien. Andere verbreiten völkisch-nationalistische und antisemitische Vorstellungen. Bei immer mehr Menschen stößt dieses von konservativ bis reaktionär und rechtsextrem reichende Ideenspektrum auf positive Resonanz und wird von Medien verstärkend aufgegriffen.

Seit der „geistig-moralischen“ Wende, die in den 1980er Jahren propagiert wurde, erreichten die von konservativer Besoffenheit getragenen Debatten ihren vorläufigen Höhepunkt mit dem 1986 veröffentlichten Zeitungsartikel Ernst Noltes „Vergangenheit, die nicht vergehen will“. Die Argumentation Noltes entsprach in etwa dem gleichen Rechtfertigungsmuster mit dem Björn Höcke heute seine Anhängerschaft begeistert. In dem Artikel vertrat Nolte die steile These, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem stalinistischem GULag-System und dem nationalsozialistischen Judenmord geben würde.

Trotz der im Laufe seines Lebens immer zweifelhafter werdenden und klar dem Rechtsextremismus zuzuordnenden Positionierungen erhielt der im Sommer 2016 verstorbene Ernst Nolte Zuspruch in Wissenschaftskreisen und der medialen Öffentlichkeit, was sich zuletzt in den Nachrufen widerspiegelte. So äußerten sich in der Öffentlichkeit stehende Personen, wie der ehemalige Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München Horst Möller oder der als Mitglied der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand tätige Historiker Peter Brandt, in der Vergangenheit immer wieder positiv zu Noltes Schaffen; ganz zu schweigen vom SPD-Landesminister Mathias Brodkorb. In dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Singuläres Auschwitz“ bedient er sich einer durchweg relativierenden Rhetorik, die seine Sympathie gegenüber Nolte und seinen Thesen deutlich werden lässt. Wie verästelt oder differenziert Brodkorb auch immer argumentieren mag, schnell wird klar, dass er sich für neurechte Gedanken im Allgemeinen und für die rechtsradikalen Schlussfolgerungen Noltes im Besonderen begeistern kann. Zu dem Zeitpunkt von Brodkorbs Buchveröffentlichung galt Nolte längst als Holocaustleugner, wie der Historiker Norbert Frei auf einer Diskussionsveranstaltung einmal feststellte. Ein Umstand, der die Frage aufwirft, warum Brodkorb sich noch nicht öffentlich dafür rechtfertigen musste und die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen hatte.

Zurück zu Noltes 1986 erschienenen Artikel: Zwar war die Frage, in welchem Umfang das Sowjetsystem auf den Nationalsozialismus eingewirkt hat, 1986 nicht einzigartig, aber das neuartige an dieser These war „die Zuspitzung, mit der Nolte eine Kausalität zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus als dominantem Bestimmungsfaktor der Geschehnisse der Zwischenkriegszeit postuliert“ hat sowie „die Einseitigkeit, mit der er diesen Gesichtspunkten im Verhältnis zu anderen Perspektiven Geltung zu verschaffen“ suchte (Mommsen 1988, S. 495). Ferner stellt Hans Mommsen fest, dass die Ausdrucksweise in dem etwa zeitgleich zu dem Artikel erschienen Buch „Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945“ nur so von willkürlichen Begriffskonstruktionen wimmeln würde. Ein Buch, das laut Mommsen nicht zuletzt Partei ergreift für neofaschistische Autoren und diese zu ernstzunehmenden Autoren hochstilisiert, klammere zudem wesentliche Teile der Geschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus aus oder deute diese auf so abenteuerliche Art und Weise, dass von einer historischen Erklärung der Epoche nicht die Rede sein könne (vgl. Mommsen ebd., S. 508; 511).

Bei so viel konstatierter geistiger Umnachtung ist es umso erstaunlicher, dass die heutige wissenschaftliche Zunft und Öffentlichkeit Ernst Noltes Werk mit lauter positiven Attributen versieht. Grund genug, mal genauer hinzuschauen. Deshalb findet sich nachfolgend für alle, die an einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit der mehr als fraglich erscheinenden historischen Argumentations- und Arbeitsweise interessiert sind, eine detaillierte Analyse oben genannter These: weiterlesen

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