Streik! Wie war das noch?

Huelga„Eine eigenartige Sache so ein Generalstreik, geplant und durchgeführt für ein genau festgelegtes Datum und nur für die Dauer von vierundzwanzig Stunden. Die Regierung freut sich darüber, dass sie schon am nächsten Tag ihre  Wirtschaftsreformen weiterführen kann. Wenn Arbeitsniederlegungen Sinn haben, dachte ich von der Höhe meiner zwanzig Jahre, dann liegt das an ihrer Dauer, an der Drohung, den Streik fortzusetzen. Für die Gewerkschaftsführer ist Erfolg oder Fehlschlag eines Streiks keineswegs davon abhängig, ob die Streikenden irgendetwas erreichen oder ihre Forderungen durchsetzen, sondern nur davon, welchen Prozentsatz die Streikbeteiligung erreicht.

Das Prinzip des Streiks bestand darin, dass niemand zur Arbeit ging, dass alle demonstrierten, und sonst nichts. Im Anschluss an den letzten Generalstreik sah man deutlich, dass Spanien über der Politik stand, in einer Welt danach, in der die Machthaber niemanden mehr mit Samthandschuhen anfassten, verkündeten sie doch gerade den Wetterbericht, wie der französische König zur Zeit Casanovas: Freunde die Kassen sind leer, heute werden es die Beamten ausbaden. Sie haben jahrelang zu gut gelebt, ihr Stündlein hat geschlagen. Morgen widriges Wetter für die Gesundheit. Sturm in der Schule. Melden Sie ihre Kinder in Privatschulen an. Die letzten Beschäftigten der Schwerindustrie, die nicht an Krebs gestorben sind, werden entlassen. Wir haben den Arbeitsmarkt flexibilisiert, die Tarifvereinbarungen reformiert. Die Probezeit wird auf ein Jahr verlängert.. der Mindestlohn gehört abgeschafft. Der unterste ist bereits auf dem Niveau von Marokko, das ihn gerade angehoben hat: Das ist zuviel um konkurrenzfähig zu sein. Um uns gegen die Konkurrenz zu behaupten, brauchen wir Sklaven, katholische Sklaven, die mit ihrem Los zufrieden sind. Unzufriedene sollten nicht wählen dürfen. Die Unzufriedenen sind ein gefährliche Alternative und als solche nicht demokratiefähig, sie verdienen nichts anderes, als zusammengeknüppelt und in Massen verhaftet zu werden. Die spanische Bischofskonferenz empfiehlt den Katholiken, sich nur sparsam fortzupflanzen, eine hohe Geburtenrate in Zeiten der Krise würde die Staatsausgaben nur unangemessen belasten.

Das alles stand in den Zeitungen, wurde im Fernsehen gesendet.. Die Medien hier schienen ein Reich des Hasses, der Unwahrheit und der Unehrlichkeit zu fabrizieren. .. Eine Sache begriff ich nicht: Gab Europa denn zu, dass es nicht die Mittel für seine Entwicklung besaß, es nur ein Lockvogel war und Spanien eigentlich ein afrikanisches Land war, wie die anderen, das alles was wir sahen, Autobahnen, Brücken, Hochhäuser, Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, nur ein Trugbild war, auf Kredit zusammengekauft, das nun drohte, von seinen Gläubigern übernommen zu werden? Würde jetzt alles verschwinden, verbrennen, von den Märkten, der Korruption und den Demonstranten geschluckt werden? Wenn das der Fall sein sollte, würden viele in der Straße der Diebe landen; viele würden tiefer sinken, ihr Leben ändern müssen, jung sterben, weil ihnen das Geld für die Gesundheit fehlte, ihre Ersparnisse verlieren; ihre Kinder würden einen Arschtritt erben, sie würden keine hübschen Schulen mehr besuchen, sondern Schuppen, in denen man sich um einen Holzofen drängt – niemand sah das. Man musste von weit her kommen, um eine Vorstellung davon zu haben, wohin dieser Wandel führen wird.“

Mathias Énard „Straße der Diebe“.

Foto: CC BY-NC-ND 2.0 |Fermín R.F.| flickr.com

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