Demokratie ohne Inhalt

ALAIN BADIOU„Was sind heute die pompösen Symbole der Macht? Was ist der unantastbare Wert, derjenige, der dazu führt, dass es eine bedauerliche Anwesenheit der Gegenwart gibt? Was ist die subjektive Triebfeder unserer Zustimmung zur Welt, wie sie ist? Was ist der phallische Fetisch unserer Zeit?“ fragt Badiou in seinem Vortrag „Images du temps présent“ im Auditorium der Sorbonne, um gleich darauf zu antworten: „Das Symbol der gegenwärtigen Zeit, ihr Fetisch, das, was die nackte Macht ohne Abbild mit einem falschen Bild bedeckt, ist das Wort »Demokratie«. Ausschließlich das Wort »Demokratie« betrachtet, handelt es sich hierbei um eine konstitutionelle Kategorie, eine juristische Hypostase.“

„Die Form des »Rechtsstaates« und seine verfassungsmäßige Organisation in der repräsentativen Demokratie bilden anscheinend heute die Bedingungslosigkeit unseres politischen Lebens. Sie ist unser Fetisch, der Phallus unserer Gegenwart. Um jenseits der monotonen Gegenwart unseres Alltagslebens die Lebendigkeit einer echten Gegenwart zu erobern, braucht es Mut, über den demokratischen Fetisch, wie wir ihn kennen, hinauszugehen. … Die Schwierigkeit besteht darin, dass die nackte Macht, die sich hinter der subtilen Plastizität und der verführerischen Obszönität der Bilder einer Welt von Demokratie und Handel verbirgt, selbst kein Bild besitzt, sie ist sehr wohl ein nacktes Reales, aber eines, das, weit davon entfernt, uns von den Bildern zu erlösen, ihre Stärke garantiert. Was ist für uns die gegenwärtige Zeit, uns, die wir uns bemühen, das Tor offen zu halten, durch das man der Höhle von Platon, der demokratischen Herrschaft der Bilder entkommt?

Wir müssen verstehen, was für uns sehr schwierig ist, dass eine echte Kritik an der Welt sich heute nicht auf akademische Kritik der kapitalistischen Wirtschaft stützen kann. Nichts ist leichter, nichts abstrakter, und nichts nutzloser, als die auf sich selbst reduzierte Kapitalismuskritik. Wer viel Lärm um diese Kritik macht, landet wieder und wieder bei weisen Reformen dieses Kapitalismus. Man schlägt einen regulierten und anständigen Kapitalismus, einen nicht-pornographischen Kapitalismus, einen ökologischen und immer demokratischeren Kapitalismus vor. Man fordert schließlich einen für alle bequemen Kapitalismus: einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz. Aus diesen Schimären wird nichts herauskommen. … Solange wir nicht fähig sind im großen Stil eine kreative Kritik an der Staatsdemokratie zu üben, werden wir im finanziellen Bordell der Bilder stagnieren. Wir werden die Diener des Paares bleiben, das die Bordellmadame und der Polizeipräsident in dem Theaterstück „Der Balkon“, von Jean Genet, bilden: der Paarung von konsumierbaren Bildern und nackter Macht.

Derzeit stehen wir zwischen zwei Welten. Ich denke, wir wissen alle, dass unsere Zeit ein »Heute« des Dazwischen ist. Auch »Demokratie« ist ein Wort des Dazwischen, ein Wort, was nicht weiß woher es kommt und wohin es geht, nicht einmal, was es bedeutet. Ein Wort, das nur unser passives Begehren nach Bequemlichkeit bedeutet, die Zufriedenheit, die wir aufgrund unseres geistigen Elends genießen, eines Elends, das ein einziges Wort zusammenfasst, das Wort »Mittelschicht«.

Was aber ist diese »Mittelschicht«? »Sie konsumiert und ist online«. In dieser Phrase ist die demokratische Bildmaschine erkennbar, gleichzeitig mit der lächerlichen Verkennung, die der Polizeipräsident in Genets Stück an den Tag legt, der ihre Anbetung, ihre Imitation befiehlt. In dieser eigentlich mittelmäßigen Subjektivität, deren Ideal darin besteht, auf ihrem Dasein zu beharren, liegt die massive Unterstützung für den demokratisch genannten Staat, die Klassenunterstützung überall auf der Welt, und insbesondere in der westlichen, wo doch der Rechtsstaat, der Staat, dessen berühmte »westliche Werte« sein Recht darauf erzwingen, überall dort zu intervenieren, wo es lukrative Rohmaterialen gibt, für diese Art von Staat, wir sehen es Tag für Tag auf tatsächlich verblüffende Weise, der die Grundlage der Macht des Kapitals bildet. Das Individuum der Mittelschicht, das wir alle hier zu einem Teil selbst sind, wünscht, auf der Welt so wie sie ist zu beharren, vorausgesetzt der Kapitalismus bietet ihm eine weniger despotische, konsensuellere Autorität und eine besser regulierte Korruption, an der er teilhaben kann, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das ist möglicherweise die beste Definition der zeitgenössischen Mittelschicht: naiv an der riesigen, ungerechten Korruption des Kapitalismus teilzunehmen, ohne es auch nur wissen zu müssen. Andere, sehr wenige an der Zahl und an höherer Stelle, werden es für sie wissen.“

Es ist diese Form der Demokratie, die Badiou kritisiert, nicht das Potential der Demokratie an sich. Es gelte sie lediglich von der hegemonialen Identifikation mit dem Kapitalismus zu befreien.

Alain Badiou „Pornographie der Gegenwart“. Erschienen bei Turia + Kant.

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