Die Aufnahmekrise der EU

ann-wuyts-cc-life-jacketsEinen Sturm der Entrüstung lösen die geplanten Massendeportationen von Griechenland in die Türkei zurzeit noch nicht aus. Offenbar gibt es „einige wenige Dinge, die den Menschen erschüttern, einige wenige, aber das Schlimme ist, dass sie, mehrmals angewendet, schon nicht mehr wirken. Denn der Mensch hat die furchtbare Fähigkeit, sich gleichsam nach eigenem Belieben gefühllos zu machen“ (Brecht). Wie schnell es gehen kann, dass Menschen sich nicht mehr für das Elend oder den Tod anderer Menschen interessieren, kann man im Hinblick auf die EU-Aufnahmekrise von Geflüchteten gerade täglich beobachten. Die vor Ort anwesenden Journalisten liefern uns Bilder, angesichts derer sich führende Politiker genötigt sehen zu propagieren, es seien lediglich für „einige Wochen ein paar harte Bilder“ auszuhalten bevor dann bald wieder Ruhe einkehre. Möglicherweise werden wir uns eines Tages fragen lassen müssen, warum wir nichts gegen die Deportationen der vielen Menschen und gegen die todbringende Abschottungspolitik unternommen haben. Da sich innerhalb der „Wertegemeinschaft“ die gebetsmühlenartig vorgebrachte Deutung einer Flüchtlingskrise gegenüber dem Faktum einer Aufnahmekrise durchsetzen konnte, ist jedoch nicht davon auszugehen.

Die Tatsache, dass es heute nicht einmal diktatorischer Befugnisse bedarf, um solch menschenverachtende Maßnahmen zu rechtfertigen, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil: Anstatt nach Lösungen für die Menschen zu suchen, werden Unmengen von Geldern in polizeiliche Maßnahmen und militärische Infrastruktur gesteckt. Einer Gemeinschaft, der nur die Verwertbarkeit des Menschen etwas bedeutet, ist der Tod vermeintlich nutzloser Menschen offenbar nicht zu teuer. Da nicht zu erwarten ist, dass die Menschen, die ihr Leben schon einmal auf Schlauchbooten und anderen Wegen riskiert haben, die Deportationen einfach so über sich ergehen lassen werden, bleibt die Frage, was gegen die gewaltsam durchgeführten Rückführungen und die Abschottungs- und Ausweisungspolitik gemacht werden kann. Neben Hilfe und Unterstützung der Menschen in den Lagern sowie der alltäglichen Rettungsaktionen ehrenamtlicher Helfer_innen an den Küsten und auf offener See wie bisher, wäre nun das Gebot der Stunde gemeinsam mit den Migrant_innen die Infrastruktur für die Massenrückführungen zu sabotieren. Da es nicht so scheint, dass eine Rücknahme des zweifelhaften EUTürkeiDeals kurzfristig auf dem Verhandlungsweg erreicht werden würde – insofern dies überhaupt angestrebt ist bleibt nur das eine Mittel. Zu zivilem Ungehorsam waren Menschen schon unter ganz anderen und widrigeren Bedingungen bereit, deren Andersartigkeit sich jedoch schnell in Luft auflösen kann, wenn Menschen gewaltsam und wie Vieh auf Schiffe verfrachtet und in Lager gepfercht werden.

Foto: CC BY 2.0 | Ann Wuyts| flickr.com

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