Struggles for Freedom

Was Hannah Arendts 1943 veröffentlichter Text „We Refugees“ (for english version click here) mit den heutigen Zuständen verbindet, ist die Thematisierung von Notstandsgesetzen, Ausgangssperren, Flucht, Anpassung an die neuen Lebensumstände und Internierung von Menschen in Gefängnissen oder Lagern. All dies sind Themen, die in aktuellen ordnungspolitischen Debatten gerade wieder hoch im Kurs sind.

Abschiebegefängnisse, Lager und lagerähnliche Unterkünfte, die sich meist weit ab von öffentlicher Infrastruktur und Städten befinden, gehören schon länger zur gängigen Praxis der Migrations- und Asylpolitik. Im Gegensatz zu der Aufmerksamkeit, die die Einrichtung von Transitzonen seitens politischer Parteien gerade erfährt, blieb und bleibt den Freedom Fighters, die gegen Lager, Residenzpflicht und die Umsetzung der Dublin-Verordnungen kämpfen, eine breite Öffentlichkeit meist verwehrt.

Jetzt, wo die Öffentlichkeit nach Ordnung schreit, wäre es umso dringlicher die Perversion des Menschenrechts deutlich werden zu lassen. Die Scheindebatte innerhalb der dt. Regierungskoalition über Lager als „Einreisezentren“ oder Abfanglager in sogenannten Transitzonen  ist letztendlich unerheblich, da es inhaltlich um ein und dasselbe geht: Abschied vom Prinzip menschlicher Würde. „Am Ursprung des Lagers steht die Schaffung eines Ausnahmezustands“, wie Agamben* einmal feststellte. Nicht umsonst brachten EU-Funktionäre, mit Blick auf einzurichtende „Hotspots“ in Griechenland, und Seehofer, als er das erste Mal Transitzonen erwähnte, gleichzeitig auch die Ausrufung eines Notstands ins Gespräch. Diese Aussage wurde als überzogen und populistisch abgetan; der bayrische Ministerpräsident dürfte aber wohl gewusst haben wovon er sprach, weil es rein rechtlich gesehen solche „Hotspots“ ohne Ausnahmezustand nicht geben dürfte. Dieser liefert den rechtlichen Rahmen für das, was vielen die beste Lösung im Umgang mit Flüchtlingen zu sein scheint: Die Schaffung eines rechtsfreien Raums, in dem die Geflüchteten ungeachtet aller Menschenrechtskonventionen sich selbst überlassen sind. Damit verbunden ist die Hoffnung einer abschreckenden Wirkung auf potentiell weitere Flüchtlinge.

Es ist zu erwarten, dass man sich in offiziellen Kreisen schon bald um weitergehende Entrechtungen von Geflüchteten bemühen wird, indem man – mit was für euphemistischen Vokabeln auch immer – einen Ausnahmezustand schafft. Dass dies gelingen kann, gilt es unbedingt zu verhindern, denn Abschiebegefängnisse und Lager sind Räume, die dann entstehen, wenn Freiheit und menschliche Würde nicht mehr zählen und der Ausnahmezustand zur Regel geworden ist. Intervention ist also mehr als angebracht!

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Nachfolgend nun Ausschnitte aus dem Text „Wir Flüchtlinge“ (oder hier die vollständige englische Version „We Refugees“):

Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns „Fluchtlinge“ nennt. Wir selbst bezeichnen uns als „Neuankömmlinge“ oder als „Einwanderer“. …

Als Flüchtling hatte bislang gegolten, wer aufgrund seiner Taten oder seiner politischen Anschauungen gezwungen war, Zuflucht zu suchen. Es stimmt, auch wir mußten Zuflucht suchen, aber wir hatten vorher nichts begangen, und die meisten unter uns hegten nicht einmal im Traum irgendwelche radikalen politischen Auffassungen. Mit uns hat sich die Bedeutung des Begriffs „Flüchtling“ gewandelt. „Flüchtlinge“ sind heutzutage jene unter uns, die das Pech hatten, mittellos in einem neuen Land anzukommen, und auf die Hilfe der Flüchtlingskomitees angewiesen waren.

Vor Kriegsausbruch waren wir sogar noch empfindlicher gegen die Bezeichnung „Flüchtlinge“. Wir taten unser Bestes, um anderen Leuten zu beweisen, daß wir ganz gewöhnliche Einwanderer seien. Wir erklärten, daß wir uns ganz freiwillig auf den Weg in ein Land unserer Wahl gemacht hätten, und bestritten, daß unsere Situation irgend etwas mit „sogenannten jüdischen Problemen“ zu tun hätte. Ja, wir waren „Einwanderer“ oder auch „Neuankömmlinge“, die eines schönes Tages ihr Land verlassen hatten – sei es, weil es uns nicht mehr paßte, sei es eben aus rein wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Wir wollten uns eine neue Existenzgrundlage schaffen, das war alles. Man muß ein Optimist sein und sehr stark sein, wenn man eine neue Existenz aufbauen möchte. Also legen wir großen Optimismus an den Tag.

Unsere Zuversicht ist in der Tat bewundernswert, auch wenn diese Feststellung von uns selbst kommt. Denn schließlich ist die Geschichte unseres Kampfes jetzt bekannt geworden. Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Wir haben unsere Verwandten in den polnischen Ghettos zurückgelassen, unsere besten Freunde sind in Konzentrationslagern umgebracht worden, und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.

Aber dennoch haben wir sofort nach unserer Rettung – und die meisten von uns mußten mehrmals gerettet werden – ein neues Leben angefangen und versucht, all die guten Ratschläge, die unsere Retter für uns bereithielten, so genau wie möglich zu befolgen. Man sagte uns, wir sollten vergessen; und das taten wir schneller, als es sich irgend jemand überhaupt vorstellen konnte. Auf ganz freundliche Weise wurde uns klargemacht, daß das neue Land unsere neue Heimat werden würde; und nach vier Wochen in Frankreich oder sechs Wochen in Amerika gaben wir vor, Franzosen bzw. Amerikaner zu sein. Die größeren Optimisten unter uns gingen sogar soweit, zu behaupten, sie hätten ihr gesamtes vorheriges Leben in einer Art unbewußtem Exil verbracht und erst von ihrem neuen Leben gelernt, was es bedeute, ein richtiges Zuhause zu haben. Es stimmt, daß wir manchmal Einwände erheben gegen den wohlgemeinten Rat, unsere frühere Tätigkeit zu vergessen; auch unsere einstigen Ideale werfen wir in der Regel nur schweren Herzens über Bord, wenn unsere gesellschaftliche Position auf dem Spiel steht. Mit der Sprache haben wir allerdings keine Schwierigkeiten: die Optimisten unter uns sind schon nach einem Jahr der festen Überzeugung, sie sprächen Englisch so gut wie ihre eigene Muttersprache; und nach zwei Jahren schwören sie feierlich, daß sie Englisch besser beherrschten als irgendeine andere Sprache – an die deutsche Sprache erinnern sie sich kaum noch.

Um reibungsloser zu vergessen, vermeiden wir lieber jede Anspielung auf die Konzentrations- und Internierungslager, die wir fast überall in Europa durchgemacht haben – denn das könnte man uns als Pessimismus oder als mangelndes Vertrauen in das neue Heimatland auslegen. Wie oft hat man uns außerdem zu verstehen gegeben, daß das niemand hören möchte; die Hölle ist keine religiöse Vorstellung mehr und kein Phantasiegebilde, sondern so wirklich wie Häuser, Steine und Bäume. Offensichtlich will niemand wissen, daß die Zeitgeschichte eine neue Gattung von Menschen geschaffen hat – Menschen, die von ihren Feinden ins Konzentrationslager und von ihren Freunden in Internierungslager gesteckt werden. … Deshalb lassen wir die Erde mit all ihren Ungewißheiten hinter uns und richten unsere Augen auf den Himmel. In den Sternen – und kaum in den Zeitungen – steht nämlich geschrieben –, wann Hitler besiegt sein wird und wann wir amerikanische Staatsbürger sein werden. Wir halten die Sterne für Ratgeber, die vertrauenswürdiger sind als alle unsere Freunde; aus den Sternen deuten wir, wann es angebracht ist, mit unseren Wohltätern essen zu gehen, oder welcher Tag sich am besten dafür eignet, einen der zahllosen Fragebogen, die gegenwärtig unser Leben begleiten, auszufüllen. Manchmal vertrauen wir nicht einmal den Sternen, sondern verlassen uns lieber aufs Handlesen oder auf die Deutung der Handschrift. Auf diese Art erfahren wir weniger über politische Ereignisse, aber umso mehr über unser eigenes liebes Selbst, auch wenn die Psychoanalyse aus der Mode gekommen ist. … Es gibt keinen Bedarf mehr, die Vergangenheit zu verzaubern, die Gegenwart ist verhext genug. Und so greifen wir, trotz unseres erklärten Optimismus, zu allen möglichen Zaubertricks, um die Geister der Zukunft zu beschwören.

Ich weiß nicht, welche Erfahrungen und Gedanken des Nachts in unseren Träumen hausen. Ich wage nicht nach Einzelheiten zu fragen, denn auch ich bliebe lieber optimistisch. Doch manchmal stelle ich mir vor, daß wir zumindest nachts an unsere Toten denken oder uns an die einst geliebten Gedichte zu erinnern. …

Mit unserem Optimismus stimmt etwas nicht. Es gibt unter uns jene seltsamen Optimisten, die ihre Zuversicht wortreich verbreiten und dann nach Hause gehen und das Gas aufdrehen oder auf unerwartete Weise von einem Wolkenkratzer Gebrauch machen. Anscheinend beweisen sie, daß unser erklärter Frohmut auf einer gefährlichen Todesbereitschaft gründet. Wir sind mit der Überzeugung groß geworden, daß das Leben das höchste Gut und der Tod das größte Schrecknis sei, und wurden doch Zeugen und Opfer von Schrecklichkeiten, die schlimmer sind als der Tod – ohne daß wir ein höheres Ideal als das Leben hätten entdecken können. Wenn uns auch vor dem Tod nicht mehr graute, so waren wir deshalb noch lange nicht willens oder fähig, unser Leben für eine Sache aufs Spiel zu setzen. Anstatt zu kämpfen – oder sich Gedanken darüber zu machen, wie man es bewerkstelligen könnte, sich zu widersetzen –, gewöhnten wir Flüchtlinge uns daran, Freunden oder Verwandten den Tod zu wünschen; wenn jemand stirbt, dann führen wir uns frohgemut den ganzen Ärger vor Augen, der ihm erspart geblieben ist. Schließlich landen viele von uns bei dem Wunsch, es möge auch uns einiger Ärger erspart bleiben, und handeln entsprechend. …

Im Unterschied zu anderen Selbstmördern lassen unsere Freunde keine Erklärung ihrer Tat zurück, keine Beschuldigung, keine Anklage gegen eine Welt, die einen verzweifelten Menschen gezwungen hatte, in Wort und Tat bis zuletzt guter Laune zu sein. Sie lassen ganz gewöhnliche Abschiedsbriefe zurück, bedeutungslose Dokumente. Folglich sind auch unsere Grabreden kurz, verlegen und voller Hoffnung. Niemand schert sich um Motive, denn die scheinen allen eindeutig zu sein. … Aus den Ghettos und Konzentrationslagern hingegen wird sehr selten von Selbstmorden berichtet. Zwar erhalten wir überhaupt nur spärliche Berichte aus Polen, doch über deutsche und französische Konzentrationslager sind wir immerhin ziemlich gut informiert.

Im Lager Gurs, zum Beispiel, wo ich die Gelegenheit hatte, einige Zeit zu verbringen**,hörte ich nur ein einziges Mal von Selbstmord, und zwar als Vorschlag für eine kollektive Aktion, was anscheinend eine Art Protesthaltung war, um die Franzosen in Verlegenheit zu bringen. Als einige von uns bemerkten, daß wir sowieso „pour crever“ hierher verfrachtet worden seien, da schlug die allgemeine Stimmung plötzlich um, und ein leidenschaftlicher Lebensmut brach aus. Es galt allgemein die Auffassung, daß derjenige, der das Unglück noch immer als persönliches Mißgeschick anzusehen vermochte und dementsprechend seinem Leben persönlich und individuell ein Ende setzte, schon auf abnorme Weise asozial und an dem allgemeinen Ausgang der Dinge desinteressiert sein mußte. Doch sobald dieselben Leute in ihr eigenes individuelles Leben zurückkehrten und dort mit scheinbar individuellen Problemen konfrontiert waren, legten sie wieder jenen ungesunden Optimismus an den Tag, der Tür an Tür mit der Verzweiflung wohnt.

Wir sind die ersten nichtreligiösen Juden, die verfolgt werden, und wir sind die ersten, die darauf – nicht nur in extremis – mit Selbstmord antworten. Vielleicht haben die Philosophen recht, die lehren, daß Selbstmord die letzte, die äußerste Garantie menschlicher Freiheit sei: wir besitzen zwar nicht die Freiheit, unser Leben oder die Welt, in der wir leben, zu erschaffen, sind aber dennoch darin frei, das Leben wegzuwerfen und die Welt zu verlassen. …

Doch unsere Selbstmörder sind keine verrückten Rebellen, die dem Leben und der Welt ihre Mißachtung entgegenschleudern, die mit sich das ganze Universum zu töten versuchen. Ihre Art zu verschwinden ist still und bescheiden; sie scheinen sich zu entschuldigen zu wollen für die heftige Lösung, welche sie für ihre persönlichen Probleme gefunden haben. Im allgemeinen hatten ihrer Meinung nach politische Ereignisse nichts mit ihrem individuellen Schicksal zu tun; in guten wie in schlechten Zeiten vertrauten sie bisher auf ihre Persönlichkeit. Nun entdecken sie bei sich selbst einige mysteriöse Mängel, die sie daran hindern, zurechtzukommen. Da sie seit frühester Kindheit glaubten, Anspruch auf ein bestimmtes soziales Niveau zu besitzen, halten sie sich selbst für Versager, wenn dieser Standard nicht weiter aufrechterhalten werden kann. Ihr Optimismus ist der vergebliche Versuch, den Kopf über Wasser zu halten. Nach außen heiter, kämpfen sie hinter der Fassade dauernd mit der Verzweiflung an sich selbst. Am Ende sterben sie dann an einer Art Selbstsucht.

Wenn wir gerettet werden, fühlen wir uns gedemütigt, und wenn man uns hilft, fühlen wir uns erniedrigt. Wie Verrückte kämpfen wir um eine private Existenz mit individuellem Geschick, denn wir fürchten, in Zukunft zu jenem bedauernswerten Haufen von Schnorrern zu gehören, die wir und die vielen früheren Philanthropen unter uns nur allzu gut in Erinnerung haben. …

Unsere neuen Freunde … verstehen kaum, daß sich hinter allen unseren Schilderungen vergangener Glanzzeiten eine menschliche Wahrheit verbirgt: daß wir nämlich einst Menschen gewesen sind, um die sich andere gekümmert haben, daß unsere Freunde uns gern hatten und daß wir sogar bei den Hausbesitzern dafür bekannt waren, daß wir unsere Miete pünktlich zahlten. Es gab eine Zeit, da konnten wir einkaufen und U-Bahn fahren, ohne daß uns jemand sagte, wir seien unerwünscht. Wir sind ein wenig hysterisch geworden, seit Zeitungsleute damit angefangen haben, uns zu entdecken und uns öffentlich zu erklären, wir sollten aufhören, unangenehm aufzufallen, wenn wir Milch und Brot einkaufen. Wir fragen uns, wie das zu bewerkstelligen sei; wir sind schon so verdammt vorsichtig bei jedem Schritt in unserem Alltag, um ja zu vermeiden, daß jemand errät, wer wir sind, welche Sorte von Paß wir haben, wo unsere Geburtsurkunden ausgestellt worden sind – und daß Hitler uns nicht leiden konnte. Wir tun unser Bestes, um in eine Welt zu passen, in der man zum Einkaufen von Lebensmitteln eigentlich eine politische Gesinnung braucht. … Ich werde nie jenen jungen Mann vergessen, von dem man die Annahme einer bestimmten Arbeit erwartete und der daraufhin aufseufzte: „Sie wissen nicht, mit wem Sie sprechen; ich war Abteilungsleiter bei Karstadt in Berlin.“ Aber es gibt auch jene tiefe Verzweiflung eines Mannes im mittleren Alter, der das endlose Hin und Her verschiedener Komitees über sich ergehen ließ, um gerettet zu werden, und schließlich ausrief: „Und niemand weiß hier, wer ich bin!“ Da ihn keiner als ein menschenwürdiges Wesen behandelte fing er an, Telegramme an große Persönlichkeiten und an seine bedeutenden Verwandten zu schicken. Er lernte schnell, daß es in dieser Welt viel leichter ist, als „großer Mann“ akzeptiert zu werden denn als menschliches Wesen.

Je weniger wir frei sind zu entscheiden, wer wir sind oder wie wir leben wollen, desto mehr versuchen wir, eine Fassade zu errichten, die Tatsachen zu verbergen und in Rollen zu schlüpfen. Wir wurden aus Deutschland vertrieben, weil wir Juden sind. Doch kaum hatten wir die Grenze zu Frankreich passiert, da wurden wir zu „boches“ gemacht. Man sagte uns sogar, wir müßten diese Bezeichnung akzeptieren, wenn wir wirklich gegen Hitlers Rassentheorien wären. Sieben Jahre lang spielten wir die lächerliche Rolle von Leuten, die versuchten, Franzosen zu sein, oder zumindest künftige Staatsbürger; aber bei Kriegsausbruch wurden wir trotzdem als „boches“ interniert. In der Zwischenzeit aber waren die meisten von uns tatsächlich derart loyale Franzosen geworden, daß wir nicht einmal einen französischen Regierungserlaß kritisieren konnten; und entsprechend erklärten wir, daß es mit unserer Internierung sein Recht habe. Wir waren die ersten „prisonniers volontaires“, die die Geschichte je gesehen hat. Nach dem Einmarsch der Deutschen mußte die französische Regierung nur den Namen der Firma ändern; man hatte uns eingesperrt, weil wir Deutsche waren, jetzt ließ man uns nicht frei, weil wir Juden waren. … In Paris konnten wir unsere Wohnung nach acht Uhr nicht mehr verlassen, weil wir Juden waren, doch in Los Angeles legt man uns Beschränkungen auf, weil wir „feindliche Ausländer“ sind. Unsere Identität wechselt so häufig, daß keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind. Unglücklicherweise sieht die Angelegenheit nicht besser aus, wenn wir auf Juden treffen. Die französischen Juden waren der festen Überzeugung, daß alle Juden von jenseits des Rheins „Polacken“ seien – also das, was die deutschen Juden „Ostjuden“ nannten. Doch jene Juden, die tatsächlich aus Osteuropa kamen, waren anderer Meinung als ihre französischen Brüder und nannten uns „Jecken“. Die Kinder dieser „Jecken“-Hasser – die in Frankreich geborene und schon ziemlich assimilierte zweite Generation – teilten die Ansicht der französisch-jüdischen Oberklasse. Und so konnte es einem passieren, daß man in ein und derselben Familie vom Vater als „Jecke“ und vom Sohn als „Polacke“ bezeichnet wurde. …

Der Mensch ist ein geselliges Tier, und sein Leben fällt ihm schwer, wenn er von seinen sozialen Beziehungen abgeschnitten ist. Moralische Wertvorstellungen sind viel leichter im gesellschaftlichen Kontext aufrechtzuerhalten. Nur sehr wenige Individuen bringen die Kraft auf, ihre eigene Integrität zu wahren, wenn ihr sozialer, politischer und juristischer Status völlig verworren ist. Weil uns der Mut fehlt, eine Veränderung unseres sozialen und rechtlichen Status zu erkämpfen, haben wir uns statt dessen entschieden, und zwar viele von uns, einen Identitätswechsel zu versuchen. Und dieses kuriose Verhalten macht die Sache noch viel schlimmer. Die Verwirrung, in der wir leben, haben wir uns teilweise selbst zuzuschreiben.

Eines Tages wird jemand die wirkliche Geschichte der jüdischen Emigration aus Deutschland schreiben; und dann muß er mit der Beschreibung jenes Herrn Cohn aus Berlin beginnen, der immer ein 150prozentiger Deutscher, ein deutscher Superpatriot war. 1933 fand jener Herr Cohn Zuflucht in Prag und wurde umgehend ein überzeugter tschechischer Patriot – ein so treu ergebener tschechischer Patriot, wie er vorher ein deutscher gewesen war. Die Zeit verging, und ungefähr 1937 begann die tschechische Regierung, die schon einigem Druck der Nazis ausgesetzt war, damit, die jüdischen Flüchtlinge auszuweisen, ohne auf die Tatsache, daß sich die Flüchtlinge so unerschütterlich als künftige tschechische Staatsbürger fühlten, Rücksicht zu nehmen. Unser Herr Cohn ging daraufhin nach Wien; um sich dort anzupassen, war ein eindeutiger österreichischer Patriotismus erforderlich. Der deutsche Einmarsch zwang Herrn Cohn, auch dieses Land zu verlassen. Er kam in Paris zu einem ungünstigen Zeitpunkt an und erhielt niemals eine reguläre Aufenthaltsgenehmigung. Da er es im Wunschdenken bereits zu großer Geschicklichkeit gebracht hatte, lehnte er es ab, bloße Verwaltungsmaßnahmen ernst zu nehmen, denn er war davon überzeugt, er werde sein künftiges Leben in Frankreich verbringen. … Unter der Oberfläche unseres „Optimismus“ kann man unschwer die hoffnungslose Traurigkeit von Assimilanten ausmachen. … Herr Cohn hat mit Sicherheit alle Rekorde gebrochen. Er verkörpert jenen idealen Einwanderer, der immer und in jedem Land, wohin ihn sein schreckliches Schicksal verschlagen hat, sofort die einheimischen Berge entdeckt und liebt. Doch da der Patriotismus noch nicht als eine einübbare Haltung angesehen wird, fällt es schwer, die Leute von der Ernsthaftigkeit unserer wiederholten Verwandlungen zu überzeugen. Diese Anstrengungen machen unsere eigene Gesellschaft so intolerant; wir suchen nach einer umfassenden Bestätigung außerhalb unserer eigenen Gruppen, weil wir nicht in der Lage sind, diese von den Einheimischen zu erhalten. Die Einheimischen, die mit so merkwürdigen Wesen wie uns konfrontiert sind, werden mißtrauisch; aus ihrer Sicht ist in der Regel nur eine Loyalität gegenüber unseren Herkunftsländern verständlich. Das macht uns das Leben ziemlich bitter. Wir könnten diesen Verdacht vielleicht zerstreuen, wenn wir erklärten, daß, eben weil wir Juden sind, unser Patriotismus schon in unseren Herkunftsländern recht eigentümliche Seiten hatte. … Unsere heute so häufig verdächtigte Loyalität hat eine lange Geschichte. Es ist die 150jährige Geschichte des assimilierten Judentums, das ein Kunststück ohnegleichen vorgeführt hat: obwohl die Juden die ganze Zeit ihre Nichtjüdischkeit unter Beweis stellen, kam dabei nur heraus, daß sie trotzdem Juden blieben.

Die verzweifelte Verlegenheit dieser Irrfahrer, die im Unterschied zu ihrem großartigen Vorbild Odysseus nicht wissen, wer sie sind, läßt sich leicht aus dem perfektionierten Wahn erklären, mit dem sie sich weigern, ihre Identität beizubehalten. Dieser Wahn ist nicht erst in den letzten Jahren entstanden, in denen die vollkommene Absurdität unserer Existenz offenbar wurde; er ist viel älter. Wir verhalten uns wie Leute mit einer fixen Idee, die einfach immer wieder versuchen ein imaginäres Stigma zu verbergen. Deshalb sind wir von jeder neuen Möglichkeit begeistert, die, weil sie neu ist, Wunder zu wirken scheint. Wir sind von jeder neuen Nationalität so fasziniert wie eine füllige Frau, die sich über jedes neue Kleid freut, das ihr die begehrte Taille verspricht. Doch sie mag das neue Kleid nur, solange sie an dessen wundersame Eigenschaften glaubt, und sie wirft es weg, sobald sie entdeckt, daß es keineswegs ihre Statur und schon gar nicht ihren Status verändert.

Man könnte davon überrascht sein, daß die offensichtliche Nutzlosigkeit all unserer seltsamen Verkleidungen uns bislang noch nicht hat entmutigen können. Wenn es stimmt, daß die Menschen selten aus der Geschichte lernen, gilt auch, daß sie aus persönlichen Erfahrungen lernen können, die, wie in unserem Fall, immer und immer wiederholt werden. Doch ehe jemand den ersten Stein auf uns wirft, sollte er sich zuvor daran erinnern, daß wir als Juden keinerlei rechtlichen Status in dieser Welt besitzen. Wenn wir damit anfingen, die Wahrheit zu sagen, nämlich daß wir nichts als Juden sind, dann würden wir uns dem Schicksal bloßen Menschseins aussetzen; wir wären dann, von keinem spezifischen Gesetz und keiner politischen Konvention geschützt, nichts weiter als menschliche Wesen. Eine gefährlichere Einstellung kann ich mir kaum vorstellen, denn tatsächlich leben wir in einer Welt, in welcher bloße menschliche Wesen schon eine geraume Weile nicht mehr existieren. Die Gesellschaft hat mit der Diskriminierung das soziale Mordinstrument entdeckt, mit dem man Menschen ohne Blutvergießen umbringen kann; Pässe oder Geburtsurkunden, und manchmal sogar Einkommenssteuererklärungen, sind keine formellen Unterlagen mehr, sondern zu einer Angelegenheit der sozialen Unterscheidung geworden. Es stimmt, daß die meisten von uns völlig von gesellschaftlichen Wertvorstellungen abhängig sind; wir büßen unser Selbstvertrauen ein, wenn uns die Gesellschaft nicht schützt; wir sind (und waren bislang immer) bereit, jeden Preis zu zahlen, um von der Gesellschaft angenommen zu werden. Aber es stimmt gleichfalls, daß die ganz wenigen unter uns, die versucht haben, ohne all diese faulen Tricks der Anpassung und Assimilation ihren Weg zu machen, einen hohen Preis bezahlt haben: sie setzten die wenigen Chancen aufs Spiel, die sogar ein Vogelfreier in dieser verkehrten Welt noch besitzt.

Die Einstellung dieser wenigen, die man Bernard Lazare zufolge als „bewußte Parias“ bezeichnen könnte, läßt sich durch die jüngsten Ereignisse ebenso wenig erklären wie die Haltung unseres Herrn Cohn, der mit allen Mitteln versucht, den Aufstieg zu schaffen. Beide sind Kinder des 19. Jahrhunderts, das zwar politische und juristische Vogelfreiheit nicht kannte, um so besser aber gesellschaftliche Parias und deren Gegenstück, die Parvenüs. Die moderne jüdische Geschichte, die mit Hofjuden begonnen hatte und sich mit jüdischen Millionären und Philanthropen fortsetzt, unterschlägt leicht diese andere Richtung jüdischer Tradition – die Tradition, in der Heine, Rahel Varnhagen, Schalom Aleichem, Bernard Lazare, Franz Kafka und selbst Charlie Chaplin stehen. Es handelt sich um die Tradition einer Minderheit unter den Juden, die keine Emporkömmlinge sein wollten und den Status des „bewußten Paria“ vorzogen. Alle gepriesenen jüdischen Eigenschaften – das „jüdische Herz“, Menschlichkeit, Humor, Unvoreingenommenheit – sind Paria-Eigenschaften. Alle jüdischen Mängel – Taktlosigkeit, politische Dummheit, Minderwertigkeitskomplexe und Geldscheffeln – sind Charaktereigenschaften von Emporkömmlingen. Es hat immer Juden gegeben, die ihre menschliche Einstellung und ihren natürlichen Wirklichkeitssinn nicht zugunsten eines engstirnigen Kastengeistes oder der Nichtigkeit finanzieller Transaktionen aufgeben wollten.

Die Geschichte hat beiden den Status von Geächteten aufgezwungen, den Parias wie den Parvenues. Letztere haben sich die tiefe Weisheit von Balzacs Formulierung „On ne parvient pas deux fois“ noch nicht zu eigen gemacht, und deshalb verstehen sie die ungestümen Träume der ersteren nicht und fühlen sich erniedrigt, wenn sie deren Schicksal teilen. Jene weinigen Flüchtlinge, die darauf bestehen, die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie anstößig ist, gewinnen im Austausch für ihre Unpopularität einen unbezahlbaren Vorteil: die Geschichte ist für sie kein Buch mit sieben Siegeln und Politik kein Privileg der Nichtjuden mehr. Sie wissen, daß unmittelbar nach der Ächtung des jüdischen Volkes die meisten europäischen Nationen für vogelfrei erklärt wurden. Die von einem Land ins andere vertriebenen Flüchtlinge repräsentieren die Avantgarde ihrer Völker – wenn sie ihre Identität aufrechterhalten. Zum ersten Mal gibt es keine separate jüdische Geschichte mehr; sie ist verknüpft mit der Geschichte aller anderen Nationen. Und die Gemeinschaft der europäischen Völker zerbrach, als – und weil – sie den Ausschluß und die Verfolgung seines schwächsten Mitglieds zuließ.

Text entnommen aus Hannah Arendt (1999): Zur Zeit. Politische Essays. Rotbuch Verlag, Hamburg.

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* Giorgio Agamben (2001): Mittel ohne Zweck. Noten zur Politik.

** H. Arendt floh 1933 nach einer kurzzeitigen Verhaftung aus Deutschland und ging nach Paris. Dort wurde sie im Mai 1940 als „feindliche Ausländerin“ verhaftet und war bis Ende Juni 1940 im Frauenlager „Gurs“ in den Pyrenäen interniert. Das politische Chaos, das der Vormarsch der Deutschen bzw. der Waffenstillstand im unbesetzten „Vichy-Frankreich“ auslöste, ermöglichte Hannah Arendt mit anderen die Flucht, so daß sie der Übergabe des Lagers an die Deutschen und der späteren Deportation entging. 1941 kam sie in den Vereinigten Staaten an und wurde 1951 amerikanische Staatsbürgerin.

Foto: Noborder Network/flickr.com/CC BY 2.0

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