Symbolischer Kampf um den „Tag des Flüchtlings“

Geschichtsvergessene fordern schon lange einen Gedenktag für die „Opfer von Flucht und Vertreibung“. Die Initiative geht von Heimatvertriebenen aus, die an diesem Tag insbesondere an deutsche Flüchtlinge und Vertriebene des 2. Weltkriegs erinnern wollen. Diese Forderung griff die Bundesregierung auf und beschloss letztes Jahr den Gedenktag für die „Opfer von Flucht und Vertreibung“ ausgerechnet auf den 20. Juni zu legen. Pro Asyl veranstaltet bereits seit 1986 einen Aktionstag für Geflüchtete und seit 2001 dient der 20. Juni auf internationaler Ebene (UNHCR) als Mahntag. Weil der Umgang mit Menschen, die sich im „Niemandsland der Rechtlosigkeit“ befinden, seit der Shoah international nach wie vor ein ungelöstes Problem darstellt und auch eine der drängendsten Fragen des 21. Jahrhunderts zu werden scheint, finden diese Woche wieder zahlreiche Veranstaltungen und öffentlichkeitswirksame Kampagnen zu diesem Thema statt.

Das scheint dieses Jahr um so dringlicher zu sein, weil einerseits auf eine Veränderung der Not der Menschen, die sich auf dem gefährlichen Weg nach Europa befinden hinzuwirken ist und andererseits gilt es den revisionistisch gesinnten Kräften in der Öffentlichkeit keinen Raum zu überlassen. Zahlreiche Flüchtlingsinitiativen und Unterstützer_innennetzwerke setzen auf eine gegenwartsbezogene Öffentlichkeit: Europa.Anders.Machen. // ZPS mit der aktuellen Crowdfunding-Aktion „Die Toten kommen“ u.a.

Hierzu interessante Beiträge von Marco Dräger und Klaus J. Bade in der aktuellen APuZ (25/2015), die dem Thema „Flucht und Asyl“ gewidmet ist. Drägers Beitrag reflektiert die Einführung des „neuen“ Gedenktages am 20. Juni sowie Geschichtsrevisionismus in Deutschland* und Bade beschreibt die Entstehung rassistischer Repräsentation.

Nachtrag: In einer Weise, die beim Einstellen oben stehender Notizen zwar befürchtet, aber nicht unbedingt erwartet wurde, hielt der dt. Bundespräsident am 20. Juni 2015 im Historischen Museum in Berlin eine Rede, in dem für seine Person mittlerweile schon bekanntem Stil, welcher geprägt ist von sophistischen Worthülsen, die vor Bigotterie, Gleichsetzung und Grenzziehungen nur so strotzen. Die Quintessenz seiner Rede ist mindestens fragwürdig. Wie ein Manager, der für die Performanz des Verkauften zuständig ist, spricht er von Verantwortung und Zusammenhalt der „Kulturgemeinschaft“. Gewissenhaft gibt er zu verstehen, wer zu dieser Gemeinschaft dazugehören kann und wer nicht. Spricht er sich in dem einen Satz noch für die Aufnahme von Flüchtlingen auf, differenziert er kurze Zeit später zwischen „nützlichen“ und „unbrauchbaren“ Menschen, die, wie er sagt auch „konsequenter abzuweisen“ sind. Konsequent und in gleichsam bigotter Weise bedient er mit der Verwendung der Begriffe des „Fremden“ und „Anderen“ ein dualistisches Argumentationsmuster, welches die „Einheimischen“ auf der anderen Seite gleich mitliefert und Grenzziehungen konstruiert. Die von ihm verwendeten Ausdrücke sind stets mehrdeutig und bezeichnen immer eine Vielzahl von Dingen, die sich nach Belieben in verschiedenste Diskurse einbauen lassen. In Zeiten, in denen vielerorts (geplante) Asylbewerberunterkünfte brennen, wird Gauck selbst zum Brandstifter, wenn er davon spricht, dass die „kulturelle Distanz“ mancher Flüchtlinge einfach zu groß sei. Am Ende der Rede angelangt, verfestigt sich somit der Gedanke es handle sich bei Gaucks Aneinanderreihung von Worthülsen mehr um eine rituelle Beschwörung, als um einen Apell zu mehr politischer Verantwortung und Veränderung. – Hier zur Rede

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* Ein lesenswerter Artikel zu geschichtsrevisonistischen Umtrieben verschiedener gesellschaftlicher Akteure in Europa findet sich in der ak 607 „Auf Noltes Spuren“, S. 33.

Foto: Stefanie Eisenschenk/flickr.com/CC BY 2.0

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3 Antworten

  1. […] einer Weise, die beim Erstellen der Notizen zum Tag des Flüchtlings letzte Woche zwar befürchtet, aber nicht unbedingt erwartet wurde, hielt der dt. Bundespräsident am 20. Juni […]

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  2. […] wird nun fleißig gespalten zwischen nützlichen “Anderen” und den Wenigen, die aus vorgegaukelter Mitmenschlichkeit eine Weile bleiben dürfen, um dann nach einigen Jahren Kettenduldung wieder abgeschoben zu werden. […]

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  3. Gauck ist einfach perfekt als Bundespräsi. Immer wieder knallhart in der (konservativen) Sache, aber mit der Stimme des Märchenonkels.

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