Die Illusion des Realen oder das Reale einer Illusion

Was ist das Problem des Realen bzw. das Problem seiner anscheinenden Abwesenheit? Mit Sicherheit ist es nicht der Mangel daran, sich mit der Gegenwart abzufinden, wie sie ist, sondern es fehlt uns an Vorstellungskraft für Alternativen, der konkreten Utopie oder anders ausgedrückt: dem Realen der Illussion. Genauso wie der Mangel an Alternativen und diese zu denken, befinden wir uns laut Fisher heute in der pradoxen Situation, keine Verantwortlichen für die vom Kapitalismus verursachten Probleme (Armut, Bankenkrise, Klimawandel etc.) mehr benennen zu können. Das Unvermögen einen Verantwortlichen auszumachen vergleicht er mit einem Anruf im Callcenter. Es mangelt an Phantasie sich vorzustellen, dass es eventuell gar “keine alles überblickenden Kontrolleure gibt, dass eigentlich das, was als herrschende Macht ausfindig gemacht werden kann, nebulöse, der Zurechenbarkeit entbundene, im Dienste von unternehmerischer Unveranwortlichkeit stehende Interessen sind. … Wir können die Zentrumslosigkeit des globalen Kapitalismus nicht unmittelbarer erfahren als durch ein Telefonat mit einem Callcenter. Als Konsument existiert man verstärkt in zwei vollkommen unterschiedlichen Realitäten.”* Wir akzeptieren allzu oft die Konsumentrolle ohne die Sinnhaftigkeit unserer Handlungen zu hinterfragen. Fisher führt als Beispiel Recycling an. Zwar ist jeder auch mitverantwortlich dafür, was er konsumiert und wie er mit der Umwelt umgeht, aber mit dem „Recycling-Wahn“ gerieten häufig umweltschonende Produktionsmechanismen und Alternativen in Vergessenheit, so dass die strukturellen Ursachen an die Kunden ausgegliedert werden konnten ohne dass an der Beseitigung der Ursachen gearbeitet wurde. … Fisher sieht den Grund für die Ökokatastrophe in einer “unpersönlichen Struktur, die selbst wenn sie fähig ist, alle möglichen Effekte zu verursachen, eben kein Subjekt ist, das Verantwortung übernehmen könnte. Das dafür notwendige – kollektive – Subjekt existiert nicht”, so Fisher weiter. Aber wie alle anderen globalen Krisen … verlange auch diese Krise nach seiner Konstruktion. Der Appell an eine ethische Unmittelbarkeit, der in der politischen Kultur Großbritanniens seit mindestens 1985 – als der sentimentale Konsens von Live Aid den Antagonismus des Bergarbeiterstreiks ersetzte – vorherrschend sei, schiebe das Erscheinen eines solchen Subjekts permanent auf. „Es geht um die Zukunft einer Illusion, d.h. ihr Reales: Es gibt keine Illusion, deren Verwirklichung noch gefährlicher wäre als der Verzicht auf das Reale einer Illusion“ (Alenka Zupančič).

Mark Fisher hofft angesichts der Legitimationskrise neoliberaler Politik mit seinen Beiträgen zu den Themen Bildung, Popkultur, Politik und Philosophie Denkblockaden lösen zu können und in der Folge dazu beizutragen den Nebelschleier des kapitalistischen Realismus zu durchbrechen, um von nun an den negativen Effekten des Kapitals entschlossener denn je entgegenzutreten. “Wir müssen beginnen, Strategien gegen das ontologisch und geografisch allgegenwärtige Kapital zu entwickeln – und zwar so, als würden wir dies zum ersten Mal tun.”

Fishers Essay wird von dem Motiv getragen jeglichen totalitären Illusionen zu widerstehen und diese aufzudecken. Die aktuell vorherrschenden kapitalistischen Verhältnisse und der Kommunismus stalinistischer Prägung stell(t)en für Fisher Systeme dar, die mithillfe der Performanz eines großen Unbekannten funktionier(t)en und somit auf paradoxe Weise vormoderne Elemente begünstig(t)en, die seit der französischen Revolution gemeinhin als überwunden gelten. Ein sehr lesenswertes Buch mit Mehrwert.      

*Alle Zitate aus dem Buch: Mark Fisher „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“. Erschienen beim VSA Verlag.

 

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