the person you have called …

das rote telefonDas Wort „Governance“ hat sich für die (Selbst-)Beschreibung von Regierungspraxis weitgehend durchgesetzt. Mit dieser suggestiven Verschiebung, Dinge nur noch verwalten, nicht aber gestalten zu können, entsteht schnell der Eindruck als sei die Politik der große Unbekannte, das Gespenst des ‚Big Government‘, was paradoxerweise immer dann angerufen wird, wenn Krisen auftreten. Anstatt sich selbst und die Gesellschaft als Teil des Politischen zu begreifen, kann der Politik vorgeworfen werden, dass es seine Funktion als sorgende, organisierende Staatsmacht nicht erfüllt, obwohl wir wissen könnten, dass die Ursachen für Krisen und die Lösung derselben woanders zu suchen und zu finden wären als bei einer staatlichen Zentralmacht.

Menschliche Gesellschaften prägte seit jeher die Vorstellung, Vorfahren oder Götter würden ihr Sein auf Erden irgendwie beeinflussen. Seitdem nun die Religion ihre Legitimation als universelle (Erklärungs-)Macht verloren hat, ist dieser Ort der Vorsehung oder der Macht unbesetzt. Das universelle Bedürfnis, den Ursprung des Sinns in einem Außen zu suchen ist dennoch geblieben, weshalb in Krisen oft wieder ein unbekanntes Außen Erklärungen liefern soll. Ein weiterer Grund könnte darin bestehen, dass die Zentrumslosigekeit des globalen Kapitalismus für viele unvorstellbar ist.

Die fehlende Zentralstelle der Macht lässt sich Fisher zufolge nicht unmittelbarer erfahren als durch ein Telefonat mit einem Callcenter. Als Konsument im Spätkapitalismus existiert man verstärkt in zwei vollkommen unterschiedlichen Realitäten: in einer, in der eine Dienstleistung ohne mit der Wimper zu zucken erfüllt wird und einer komplett anderen, dem irren, kafkaesken Labyrinth der Callcenter, einer Welt ohne Gedächtnis, in der Ursache und Wirkung auf mysteriöse, unergründliche Art und Weise miteinander verbunden sind, in der es ein Wunder ist, falls überhaupt jemals etwas passiert, und in der man die Hoffnung verliert, jemals wieder auf die andere Seite zurückzufinden – dorthin wo die Dinge reibungslos funktionieren. Was könnte besser als das Callcenter exemplifizieren, wie eine neoliberale Welt dem Anspruch ihrer eigenen PR nicht gerecht wird? Langeweile und Frustration werden punktuell von fröhlicher PR durchbrochen, man wiederholt andauernd die immergleichen, trostlosen Einzelschritte gegenüber“ den relativ machtlosen und nur mit den nötigtsen Informationen ausgestatteten Mitarbeiter_innen. Die mitunter wütend werdenen Anrufer artikulieren ihre Wut in ein Vakuum hinein, weil sie „sich gegen jemanden richtet, der ebenfalls Opfer des Systems ist, in dem es keine Möglichkeit der Gemeinschaftlichkeit zu geben scheint. Ebenso wie diese Wut auf kein angemessenes Ziel gerichtet werden kann, bleibt sie ohne Konsequenzen. In so einer Welt, in der das System als teilnahmslos, unpersönlich, ohne Zentrum, abstrakt und fragmentarisch erfahren wird, kommt man im Callcenter der aufgestauten Dummheit des Kapitals an sich am nächsten, ohne ihr direkt entgegenzutreten.„* Mark Fisher: kapitalistischer Realismus ohne Alternative?

Fisher interpretiert Kafkas Erzählung „Das Schloss“ als eine treffende Beschreibung dessen, was er als die dezentralisierte, marktstalinistische Bürokratie des Spätkapitalismus ansieht: Im Schloß funktioniert das Telefon offenbar ausgezeichnet; wie man mir erzählt hat, wird dort ununterbrochen telefoniert, was natürlich das Arbeiten sehr beschleunigt. Dieses ununterbrochene Telefonieren hören wir in den hiesigen Telefonen als Rauschen und Gesang … Nun ist aber dieses Rauschen und dieser Gesang das einzig Richtige und Vertrauenswerte, was uns die hiesigen Telefone übermitteln, alles andere ist trügerisch. Es gibt keine bestimmte telefonische Verbindung mit dem Schloß, keine Zentralstelle, welche unsere Anrufe weiterleitet; wenn man von hier aus jemanden im Schloß anruft, läutet es dort bei allen Apparaten der untersten Abteilungen oder vielmehr, es würde bei allen läuten, wenn nicht, wie ich bestimmt weiß, bei fast allen dieses Läutwerk abgestellt wäre. Hier und da aber hat ein übermüdeter Beamter das Bedürfnis, sich ein wenig zu zerstreuen … und schaltet das Läutwerk ein; dann bekommen wir Antwort, allerdings eine Antwort, die nichts ist als Scherz. Es ist das ja auch sehr verständlich. Wer darf denn Anspruch erheben, wegen seiner privaten kleinen Sorgen mitten in die wichtigsten und immer rasend vor sich gehenden Arbeiten hineinzuläuten? Ich begreife auch nicht, wie selbst ein Fremder glauben kann, daß, wenn er zum Beispiel Sordini anruft, es auch wirklich Sordini ist, der ihm antwortet.“                 

Franz Kafka „Das Schloss“

Foto: CC BY 2.0 | Alex | flickr.com

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