independent media or manufacturing consent?

Demokratische Öffentlichkeit in der modernen Mediengesellschaft: Eine wichtige Funktion der Massenmedien wird in der Schaffung von Öffentlichkeit und deren integrativer Kraft für differenzierte Gesellschaften gesehen. In Bezug auf „die Medien“ wird oft suggeriert, dass es sich hierbei um eine eigenständige Machtsphäre handelt, die einzig ihrer systemimmanenten Logik folgt und einen gesonderten gesellschaftlichen Bereich bildet, der alle Teile der Gesellschaft durchdringt. Eine mögliche Konequenz wäre: Abschalten! Demgegenüber hat seinerzeit schon Bertolt Brecht die Idee proklamiert, Medien als gesellschaftlichen Verständigungsapparat zu nutzen an dem sich prinzipiell alle beteiligen können, wie dies beispielsweise beim offenen Kanal im Fernsehen oder bei freien Radios (FSK Hamburg oder Radio Corax als Beispiel) der Fall sein kann.

Habermas, zu dessen zentralem Motiv seiner Arbeiten der Terminus „Politische Öffentlichkeit“ gehört, betont die integrative Funktion von gesellschaftlich getragenen Diskursen und ist der Auffassung, dass sich differenzierte Gesellschaftennormativ nur noch über die abstrakte und rechtlich vermittelte Solidarität unter Staatsbürgern zusammenhalten. Zwischen Bürgern, die sich persönlich nicht mehr kennen können, kann sich nur noch über den Prozess der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung eine brüchige Gemeinsamkeit herstellen und reproduzieren. Der Zustand einer Demokratie lässt sich am Herzschlag ihrer politischen Öffentlichkeit abhorchen“ (Habermas). Er nennt hier etwas, das Soziologie seit seinen Anfängen interessiert: das `lien social` bzw. den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Einer normativen Grundlegung eines politisch gefärbten Öffentlichkeitsbegriffs und dessen potentielle Rolle für die öffentliche Meinungsbildung liegt die Annahme zu Grunde, dass der öffentliche Diskurs in modernen Gesellschaften hauptsächlich über Medien hergestellt wird und er deshalb eine zentrale Rolle für die Ausgestaltung von Demokratie spielt. Mit Blick auf die verschiedenen Ebenen und Arenen, in denen sich die Kommunikationsereignisse aufeinander beziehen und gegenseitig beobachten, kann in Bezug auf die Wechselwirkung zwischen Politik und Mediensystem festgestellt werden, dass das politische System stark von journalistischen Beobachtern abhängig ist, die wiederum professionellen Standards ihrer Branche unterliegen, wie dem Nachrichtenwert, aber auch seitens der Medienorganisationen unter Druck geraten. Ferner ist zu konstatieren, dass die Vermittlungsstrategien des politischen Systems an mediale (Unterhaltungs-) Formate angepasst werden. Die Wahrnehmung des Publikums ist, so kann man mithilfe der Agenda-Setting-Theorie zeigen, in Bezug auf die Prioritätensetzung der zu bearbeitenden gesellschaftlichen Probleme in hohem Maße von den Medien beeinflussbar. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass trotz einer Nachrichten- und Informationsflut nicht die Rede davon sein kann, dass dies gleichzeitig zu umfassender (politischer) Informiertheit seitens der Rezipienten führt, wie die „Wissenskluft-Forschung“ zeigt. Bildung ist und bleibt demnach das entscheidende Merkmal dafür, was wer wo an Informationen aufnimmt und positiv für sich verwerten kann.

Medialisierung der Mediengesellschaft – Kritik an Begriffen

Nun gibt es unzählige Veröffentlichungen und Spartenbereiche, die auf der Suche nach einem geeigneten Gesellschaftskonzept sind, mithilfe dessen die demokratischen Bedingungen gesellschaftlicher Selbststeuerung sowie das wechselseitige Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit erklärbar gemacht werden können. Viele benutzen dafür mittlerweile die Klassifikation „Mediengesellschaft“ (vgl. hierzu Imhof u.a. 2006). So verstanden ist Gesellschaft das Produkt aufeinander bezogener öffentlicher Kommunikation und deren strukturelle Voraussetzungen und Effekte in funktionaler, segmentärer und stratifikatorischer Dimension. Dem Anspruch nach soll das Konzept der Mediengesellschaft auf alle Ebenen der sozialwissenschaftlichen Analyse anwendbar sein (vgl. ebd.). Es bezieht sich „auf die Ausdifferenzierung der Medien zu einem eigenlogischen Teilbereich sowie auf die damit verbundenen Medialisierungseffekte für die anderen Teilsysteme, auf unterschiedliche Partizipationsmöglichkeiten sowie auf die zunehmende Entschränkung von politischen Geltungsbereichen und medienvermittelter Öffentlichkeit“ (ebd., S. 17).

Eine andere Position hierzu vertritt Ziemann. Er merkt zur Verwendung des Begriffs Mediengesellschaft an, dass es keine geeignete Medientheorie gebe, die es ermögliche, festzustellen, „was an der Mediengesellschaft tatsächlich ›Mediengesellschaft‹ ist“ (Ziemann 2011, S. 214). Er bemängelt, dass Theorien in diesem Kontext von einer Zentralstellung der (Massen-)Medien ausgehen, anstatt die Analyse mit einem Perspektivenwechsel von der Gesellschaft auf die Massenmedien vorzunehmen und plädiert deshalb für den Verzicht auf dieses Label (vgl. ebd.). Eng verbunden mit dem seiner Meinung nach nicht haltbaren Konzept Mediengesellschaft ist der Begriff der Medialisierung. Ob nun die Klassifikation „Mediengesellschaft“ als heuristisches Mittel gewählt wird, um auf Prozesse der Entgrenzung aufmerksam zu machen oder die Vertreter dieser wissenschaftlichen Sektion wirklich davon überzeugt sind, dass Medien in heutigen Gesellschaften den Mittelpunkt bilden, der alles durchdringt, hängt meistens von Reputationskämpfen zwischen einzelnen Wissenschaftszweigen ab.

Was den Einfluss der Medien auf Politik angeht, ist auf eine Studie von Vowe und Dohle hinzuweisen. Sie untersuchen die Wirkung der Medien im Vergleich zum Einfluss anderer externer Akteure auf Politik (wie z.B. Wirtschaftsverbände, Erfahrungen anderer Länder) und kommen zu dem Ergebnis, dass Medienreferenzen für Politiker in den letzten zehn Jahren weder zugenommen haben noch sich öfter auf Medien als auf andere externe Akteure bezogen wird (vgl. Vowe/Dohle 2008). Zur tiefergehenden Analyse und Zitatesammlung 😉

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